Das Gespräch mit Matthias Kaul fand am 25. April 2009 in Witten auf Hohenstein statt, wo Kaul im Rahmen der Wittener Tage für neue Kammermusik an einem öffentlichen Grillplatz listen and taste realisierte – "eine kulinarische Horchsituation für einige Feuerstellen, einen Koch, Bratendes, Siedendes, horchendes und essendes Publikum". Das Publikum durchlief dabei drei Stationen: 1) Bratgeräusche wurden per Kupferrohr von der Grillstelle zum Ohr des Hörers geführt, 2) Geräusche eines Topfs mit siedendem Wasser wurden per Draht und Styroporkugel ans Ohr des Hörers geleitet, 3) das Publikum wurde mit dem frisch gebratenem Fleisch verköstigt.


Interview & Abschrift: Björn Gottstein




Was passiert denn, wenn jemand kommt und wirklich grillen möchte?


Nein, das ist ja mit Voranmeldung. Das ist ein städtischer Grill, da braucht man eine schriftliche Genehmigung, die sich Harry schon vor einem halben Jahr geholt hat. Der hat die Tage reserviert hier. Hier kann keiner Grillen.


Wie kam es zu der Idee, aus Grill- und Bratgeräuschen ein Stück zu machen?


Das hat eine lange Vorgeschichte. Ich habe mal in Luxemburg für die Philharmonie so eine Sache gemacht mit drei Trommlern in 'ner Wurstbude, und das machte ziemlich Furore, und davon hörte Harry Vogt auch und fragte mich, ob ich hier was machen wolle auf Hohenstein und deutete gleich an: diese Sache mit der Wurstbude, irgendetwas in diese Richtung würde er schön finden. Und wir kamen letzten Herbst vom Parkplatz hier hoch, dann sah ich halt diese Grillstation und dachte, gut, das ist es. Ich fand den Platz ... von da unten betrachtet sieht das aus wie ein japanischer Tempel, dieses Ding. Das ist schon ... hier oben sieht es sehr rustikal aus, aber aus der Ferne, so in die Landschaft eingepasst, und ich habe gedacht, ja, das ist ein toller Ort. Und da habe ich mich halt hingesetzt und habe überlegt, was kann man machen, und da ich meinem Herd beim Kochen sowieso immer viel zuhöre und ich weiß, was da unter der Platte britzelt und brutzelt und wie es im Topf zugeht und so weiter, war die Sache ganz schnell klar. Und für mich die große Überraschung war dieser andere Topf da, ich weiß nicht, ob du den gehört hast, ich habe zuerst überlegt zuhause, was kann man noch mit Feuerholz machen, also wo ich dachte, hier könnte man noch Feuerholz rein tun, und habe mich gefragt, ob man etwas hört im Holz, während das Holz brennt. Aber da hört man gar nichts, aber dadurch ist dieses alberne Foto entstanden in diesem Booklet, das ist wirklich einer der Versuche für dieses Projekt gewesen, wo ich, weil ich kein Feuer machen wollte, die Holzscheite auf die Herdplatte gelegt habe, um sie dann zum Brennen zu bringen und dann mit Draht und Styropor zu horchen: Kommt da was? Aber es kommt nichts. Und dann habe ich halt weiter geforscht und habe gedacht, OK, die Wanne von diesem Topf, die müsste man doch auch irgendwie hören können über so einen Drahtübertragung. Und das war für mich und für dieses Projekt eine große Überraschung, dass dieser Topf so gut funktioniert, natürlich sehr zart, bei mir zuhause ist es noch ein bisschen stiller als hier, und das sind richtig so ferne Chöre, die man hört, und je nach Wasserstand und Kochtemperatur verschieden. Das ist ziemlich verschieden. So kam das Ganze zustande.


Dann frage ich mal was zur Klangübertragung. Es ist mir nicht klar, wie das funktioniert.


(lacht) Also. Das Wasser kocht in diesem Edelstahltopf. Der ist sehr dünnwandig. Das Wasser bewegt sich, und dadurch gerät die Wandung in Schwingung vom Topf. Und der Draht berührt einfach nur die Wandung und übernimmt dadurch die Schwingung und Styropor ist, was viele Leute nicht wissen, ein Verstärker. Man nutzt das oft zur Dämpfung, oder zum Wärmeabhalten oder -behalten, und akustisch ist es wirklich ein großer Verstärker, ein toller Resonanzkörper. Und wenn man den Draht da durchzieht durch das Styropor, wird das im Styropor wirklich noch verstärkt, die Schwingung des Drahtes. Ich mache sehr viel mit Draht und Styropor, und das ist fast eine ökologische Übertragung, wenn Styropor nicht so ungesund wäre. Das ist eigentlich ein widerlicher Werkstoff, aber klanglich ganz toll. Also mit Styropor kann man ganz wunderbare Sachen machen, auch wenn man Metall drauf legt auf Styropor, das wird unglaublich verstärkt. Und das ist die Übertragung. Je nachdem wie man den Draht spannt, kann man auch damit spielen, dann kriegt man verschiedene Obertöne und überhaupt verschiedene Tonhöhen, und da kann man eine Menge mit machen. Nur die Struktur des Ganzen: weil so ein Grillplatz mit so vielen Leuten könnte ja total chaotisch werden, habe ich halte eine ganz strenge, strikte Struktur mit diese 2-Minuten-Partien, jeder darf nur zwei Minuten hören, dann muss er zum nächsten Platz und dann kann er essen, das kann er so lange er will. Aber diese Hörstruktur, das war mir sehr wichtig, dass es Zeitfenster sind, die ganz diszipliniert eingehalten werden, so Cage-mäßig, denn sonst wäre das hier ein Larifariplatz. "Och ja. Hörste was? Och, ich hör nichts." Und so ist das wirklich in eine Form gegossen ...


... man ist als Hörer auch fokussiert.


Ja. Ich meine, ich bin Voyeur, was das Gucken angeht, wie Leute horchen, da bin Voyeur. Also ich sehe das gerne. Und das ist ein schönes Bild, finde ich, mit den Styroporkugeln sitzen und sich konzentrieren, weil das ist ja Arbeit, wenn ein Flugzeug vorbeikommt, weiß man nicht, höre ich das Flugzeug oder höre ich diesen Singsang, und das macht natürlich die Leute, die in der Schlange stehen, neugierig. Was wird das wohl sein? Und dadurch kommt halt eine Hörhaltung. Das Ganze heißt ja auch "Horchsituation", das war mir auch wichtig, also das ist ja keine Installation in dem Sinne, sondern das ist wirklich eine Situation zum Horchen. Dadurch auch die Idee mit dem Flüstern, also hier darf nicht gelabert werden laut, und die Atmosphäre, also es war sehr voll hier, funktionierte sehr gut, es ist sehr konzentriert, obwohl das ja eigentlich so ein lockerer Erholungsplatz ist. Also das war mir wichtig, dass man hier so eine konzentrierte Horchsituation schafft. Das klappt sehr gut, finde ich. Also da bin ich sehr zufrieden.


Diese Station ist eine sehr originelle Form der Klangübertragung, während diese zweite Station hier, wo die Bratgeräusche durch Kupferrohre zum Hörer geleitet werden, sehr rudimentär wirkt.


(lacht) Naja, aber dafür umso effektiver. Ich meine die Rohre leiten natürlich alles, die Rohrpost und auch der Klang wird einfach supergut durchgeleitet, obwohl verschiedene Materialien verschieden gut sind. Also Kupfer eignet sich sehr gut, Aluminium ist etwas schlechter, weil es etwas rauer ist, also je glatter, also Edelstahl würde natürlich noch besser leiten, aber das ist einfach zu teuer, Kupfer ist teuer genug, muss ich sagen, und die verschiedenen Längen bringen natürlich auch verschiedene Längen, weil das Phasing wird halt anders in diesen Röhren. Und die Trichter sind sehr effektiv. Diese blöden Tschibo-Trichter, die wir da dran gemacht haben. Also so ein Trichter sammelt wirklich Schall. Das fokussiert das Ganze. Und was mich auch erstaunt hat, da hatte ich gar nicht drüber nachgedacht, um ehrlich zu sein, dieser Stereoeffekt. Das ist ja unglaublich, wenn eine Pfanne geschoben wird unter diesen acht Trichtern, das ist ja richtig ein rotierender Klang, logischerweise, aber das habe ich gar nicht mit einkalkuliert. Das ist einer dieser wunderbaren Sideeffects, die man so hat beim Rumprobieren, manche Sachen kriegt man geschenkt. Und dieses Stereo – wir haben noch die Rohre so angeordnet, nicht aus stereophonen Gründen, sondern dass man überhaupt für jeden Hörer zwei zusammenkriegt, ohne dass die sich überkreuzen, und dadurch sind die Rohre halt immer von verschiedenen Partien der Bratstelle und dadurch gibt es dann diesen irrsinnigen Raumḱlang. Das ist ein angenehmer Sideeffect, den ich natürlich dankend angenommen habe.


Dann frage ich mal etwas zu den Klangqualitäten an sich. Du bist auch Schlagzeuger, es sind irgendwie auch perkussive Klänge, aber es ist natürlich kein Perkussionsstück. Man hätte vielleicht auch was anderes braten können. Hast du da bestimmte Klangqualitäten gesucht?


Also. Es gibt diese schwarzen Senfkörner z. B., was die Inder sehr viel benutzen, wo im indischen Kochbuch immer steht, nehmen sie einen Spritzschutz, weil die Dinger explodieren richtig und die knallen halt auch manchmal gegen diese Trichter. Also das ist ausgewählt. Und dann gibt es einen Gewissenskonflikt, weil das schlechteste Fleisch klingt am besten, denn es ist mit Wasser versetzt, es ist aufgeschwemmt, und Wasser und Öl oder Fett spritzt und knallt natürlich am meisten, wir wollten aber die Leute nicht mit dem schlechtesten Fleisch bedienen, deshalb haben wir da klanglich so ein paar Abstriche gemacht, aber es ist gut genug. Und die Aufgabe des Kochs ist wirklich auch eine klangliche. Der muss halt Pfannen schieben, egal wie sinnvoll oder sinnlos das ist für das Braten. Das ist schon so ein fast akutisches Braten. Ich meine da gibt es bei den Nahrungsmitteldesignern, das hat mir so ein Sounddesigner von Bahlsen erzählt, da haben die ja wirklich eine Konditorei, die wirklich nach Klang bäckt. Die kriegen nicht irgendwie ein Rezept, das muss soundso schmecken, sondern hier haben wir synthetisch einen Sound hergestellt, einen Beiß-Sound, den sollt ihr jetzt irgendwie zu einem Keks machen. Und jetzt sitzen die Bäcker da und müssen wirklich Zutaten zusammenhauen, die erst mal nicht schmecken müssen, sondern nur so klingen. Und dann versuchen sie aus diesem komischen Geschmack noch etwas zu machen, was auch essbar ist. (lacht) Also das Nahrungsmittel-Sounddesign ist da sehr weit und geht sehr skurrile Wege. Und ich habe mich damit ein bisschen beschäftigt, auch mit diesen Innenohrmikrofonen und all diesem Kram, sodass man die Kaugeräusche wirklich so hört, wie man sie in sich hört usw. usf. Und natürlich, bei Fleisch, ich weiß, was da besser klingt und schlechter klingt, also das sind schon so Recherchen, die man machen muss. Eben auch: was schmeiß ich rein, damit es gut klingt, wie diese indischen Senfkörner, die sind klasse, die schwarzen, auch Pinienkerne sind ganz hübsch, aber das ist irgendwie nicht so passend zum Steak.


Der Mensch, der grillt, ist das wirklich ein Koch?


Nein, das ist der Techniker vom Saalbau, von dem man weiß, dass er gut kocht. Ich habe gesagt, sucht mir jemanden, der Grill-erfahren ist. Weil ich bin auch noch Vegetarier, ich esse sowieso kein Fleisch. (lacht) Und ich habe auch gesagt, ihr müsst das Zeug einkaufen, weil ich kann nicht in eine Schlachterei gehen, das haut mich um. Und die haben halt gewusst, dass der Michael ein guter Griller ist, und deshalb wurde er engagiert dafür.


Die letzte Frage geht mehr ins allgemein Ästhetische. Du hast vorhin schon mal den Namen Cage erwähnt. Es geht auch ein wenig um die Sensibilisierung der Wahrnehmung. Wünscht man sich, dass die Menschen nach hause gehen und beim Braten anders hören?


Aber natürlich. Darum geht es die ganze Zeit. Mein ganzer Job, auch als Trommler oder als Komponist, ist einfach der, dass ich möchte, dass die Leute, wenn sie aus dem Konzert gehen, wenn sie aus so einer Situation rausgehen, dass sie dann wirklich anders hören. Feiner hören, aufmerksamer hören. Deshalb: ich mische in meinen Kompositionen ja auch oft Alltagssituationen mit diesen sogenannten Kulturinstrumenten, weil ich a) die Konfrontation gut finde und b) im Zusammenhang mit dem, was andere Leute Musik nennen vielleicht, also herkömmlicher Natur, wenn man das mixt mit Alltagsgeräuschen kriegen die Alltagsgeräusche auch eine andere Würde. Und ich bin schon der Meinung, dass das ein Lustgewinn ist, wenn man mehr hört. Auch wenn man manchmal feststellt, dass die Welt ziemlich beschissen klingt, die wir haben, aber insgesamgt ist das ein Lustgewinn und man geht einfach mit mehr Spaß durchs Leben und darum geht es einfach, und deshalb die Horchhaltung, die Hörhaltung ist mir sehr wichtig, bei allem was ich mache, auch wenn ich trommele, ich bin nicht einer von denen die permanent laut vor sich hinballern, sondern ich suche immer Stücke, wo eigentlich der Hörer zur Musik kommen muss und nicht die Musik den Hörer überrennt. Das ist mir sehr wichtig. Auch gerade bei diesem Wassertopf, das ist mir auch so wichtig: die müssen ja arbeiten, erst einmal. Und dann kommt der Lustgewinn. Und wenn die dann weitergehen, dann hören die das Blätterrauschen ganz anders, weil sie eben schon merkten, mein Gott, das stört mich ja sogar beim Hören mal. Plötzlich merkt man, guck Mal, so laut ist das Ganze. Diese Hörhaltung, das ist mein Job.



Björn Gottstein als Hörer von
listen & taste in Witten.